Seit 2020 können Menschen mit Behinderungen und Werkstattberechtigung ein Budget für Ausbildung in Anspruch nehmen. Damit die Ausbildung gelingt, braucht es aber mehr als nur einen finanziellen Anreiz für Unternehmen: Auch die individuelle Lernbegleitung der auszubildenden Person ist wichtig. Das zeigt das Beispiel von Justin Kremer aus Mönchengladbach.
Für Justin Kremer ist die Ausbildung zum Fachpraktiker im Verkauf Neuland. Das Elektrofachgeschäft in Mönchengladbach, in dem er seit September 2025 seine Ausbildung absolviert, hatte er zuvor durch ein Praktikum kennengelernt, das er während seiner Zeit in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM) absolvierte.
Vom Praktikum zum Ausbildungswunsch
Eigentlich hatte Justin gar nicht vor, ein Praktikum machen. Er arbeitete gerne in der WfbM, mochte das Umfeld, das soziale Netz und den Rückzugsort. Als dann der soziale Dienst auf ihn zukam und ihm die Visitenkarte des Betriebs übergab, hat er lange überlegt. Der Gruppenleiter der WfbM unterstützte ihn und organisierte einen Schnuppertag im Betrieb. Justin nutzte diesen Vorstellungstag bewusst: Im Reparaturservice lernte er das Team kennen erhielt einen ersten Einblick in die Aufgaben. „Das war richtig cool“, erinnert er sich heute – und genau das weckte sein Interesse.
Daraufhin erhielt er im Mai 2025 die Zusage für ein zunächst zweiwöchiges Praktikum, in dem er erste Arbeitsaufträge übernahm. So durfte er beispielsweise Laufwerke wechseln – und das klappte sehr gut. Sein Praktikum wurde verlängert. Die Kollegen im Betrieb zeigten großes Interesse, stellten viele Fragen und bezogen Justin aktiv ein.
Bis dahin kannte Justin zwar das Eingangsverfahren, die Berufsbildungsmaßnahme und den Arbeitsbereich der WfbM. Erfahrung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt hatte er aber noch nicht gesammelt. Als ihm schließlich der Geschäftsführer des Fachhandels den Vorschlag machte, eine Ausbildung im Verkauf zu beginnen, lautete Justins erster Gedanke: „Ich will das nicht machen.“ In der Praxis stellte sich dann aber schnell das Gegenteil heraus. Er merkte, dass er Freude an Kundengesprächen hat und dass es ihm liegt, Menschen zu beraten.
Rehabilitationspädagogische Lernbegleitung: ein Anker im Budget für Ausbildung
Justin Kremer und der Betrieb entschieden sich daher für die Ausbildung Fachpraktiker im Verkauf. Der Weg von der WfbM auf den allgemeinen Arbeitsmarkt sollte mithilfe der Förderleistung Budget für Ausbildung gezielt unterstützt werden. Mit einem Budget für Ausbildung erhält der Azubi die erforderliche Anleitung und Begleitung während der Ausbildung und der Betrieb eine Lohnkostenerstattung.
Für Justin war die Beantragung des Budgets für Ausbildung jedoch eine bewegte Zeit. Er führte viele Gespräche – gemeinsam mit seinem Arbeitgeber und dem Unterstützernetzwerk, das den Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt begleitete. Neben organisatorischen Abläufen lernte er auch inhaltlich einiges dazu: „Ich wusste gar nicht, dass die IHK für die Ausbildung so wichtig ist“, so Justin.
Im Rahmen eines Schnuppertags am Berufskolleg erhielt er einen ersten Eindruck von seinen zukünftigen Lehrer*innen – das trug dazu bei, seine anfängliche Zurückhaltung gegenüber der Schule abzubauen. Gleichzeitig wünschte er sich während der Ausbildung eine verlässliche Lernbegleitung: „Ich finde es gut, einen Anker während der Ausbildungszeit zu haben und sich gemeinsam den Stoff zu erarbeiten. So kann man auch Lösungen für neue Herausforderungen finden.“ Schlussendlich wurde der Antrag auf ein Budget für Ausbildung bewilligt – inklusive der Unterstützungsleistung Lernbegleitung. Diese wird in Justins Fall von einer externen Lernbegleiterin mit rehabilitationspädagogischer Zusatzqualifikation (ReZA) erbracht.
Gemeinsames Lernen und Forschen: Methoden finden, die erfolgreich sind
In der Praxis bedeutet das für Justin Kremer seit Ausbildungsbeginn: Einmal pro Woche erhält er Unterstützung zu seinen Lernthemen durch Juliane Lewinski vom Berufsförderungszentrum Schlicherum (BFZ). Sie ist seine Lernbegleiterin und verfügt über die oben erwähnte ReZA. Diese ist bei theoriereduzierten Ausbildungsgängen gesetzlich vorgeschrieben: Um den besonderen Bedarfen von Menschen mit Behinderungen bei ihrer Ausbildung gerecht werden zu können, sollen Fachkräfte im Betrieb entsprechend geschult sein. Liegt dieses spezielle Wissen im Ausbildungsbetrieb nicht vor, kann – wie es hier passiert ist – eine externe Fachkraft mit ReZA helfen.
Juliane Lewinski wurde vom Integrationsfachdienst (IFD) für die Ausbildung von Justin ins Boot geholt. Der IFD schätzt die Bedarfe im Rahmen eines Budgets für Ausbildung ein und spricht eine Empfehlung an den Leistungsträger aus: Was braucht es, damit die Ausbildung gelingt? So kam es, dass sich Justin Kremer und Juliane Lewinski zunächst in einem ersten Gespräch persönlich kennenlernten. Die Chemie zwischen Azubi und der Lernbegleiterin stimmte sofort – das ist entscheidend für die Zusammenarbeit, denn Juliane Lewinski ist nah dran an den Themen, die in einer Ausbildung zählen. Sollte die Abstimmung zwischen dem Budgetnehmenden und der Lernbegleitung nicht passen, sieht das Wunsch- und Wahlrecht dennoch eine passende Lösung vor: im Netzwerk wird dann die entsprechende Person einbezogen, damit der Azubi die richtige Unterstützung erhält.



Im Falle von Justin konnten aber Lernbegleitung und Azubi direkt über die Ausbildung sprechen: Was fällt schwer, wo fühlt sich der Azubi sicher, welche Situationen brauchen Übung – und wie gelingt es, das Gelernte im Betrieb umzusetzen? Für Frau Lewinski steht vor allem das gemeinsame Lernen im Mittelpunkt. Man merkt es ihr an, dass sie die jungen Menschen gerne fördert. „Lernbegleitung bedeutet für mich, die Auszubildenden dabei zu unterstützen, sich selbst besser kennenzulernen. Es geht um forschen und ausprobieren, welche Methode am besten zu den eigenen, individuellen Bedürfnissen passen“, berichtet die Fachkraft.
Wenn jemand beispielsweise nicht gerne liest, kommen Bilder zum Einsatz. „Allerdings werden keine Schablonen genutzt“, so Lewinski. „Die Materialien werden gemeinsam mit dem Azubi erstellt und dann auch gemeinsam getestet, ob sie wirklich helfen.“ So kann Justin Kremer das Erlernte unmittelbar im Betrieb anwenden. Begeistert beschreibt er am Beispiel der Pyrolyse, dem Selbstreinigungssystem im Backofen, wie daraus ein erfolgreich aufgebautes Verkaufsgespräch entsteht. Er mag die Rolle des Problemlösers, mit dem Ziel, am Ende des Gesprächs ein Lächeln beim Kunden zu sehen und im besten Fall auch etwas zu verkaufen.
Bilanz nach dem ersten Ausbildungsjahr: Justin fühlt sich gesehen und hat Pläne für die Zukunft
In der Lernbegleiterin findet sowohl der Azubi als auch der Betrieb eine Ansprechperson, die während der Ausbildung mit einer Perspektive von außen unterstützt. Frau Lewinski telefoniert jede Woche mit dem Ausbilder, um den Betrieb zu sensibilisieren und so Überforderungen früh sichtbar zu machen, die im Arbeitsalltag manchmal unbemerkt bleiben.
Wenn im Betrieb Redebedarf entsteht, wird gemeinsam vor Ort eine passende Lösung besprochen. „Am Anfang hatte ich große Probleme mit Telefonaten“, berichtet Justin. Ihm fiel es schwer, alle Informationen abzufragen und zu erfassen.“ Gemeinsam mit dem Betrieb wurde deshalb eine Telefonnotiz erarbeitet, die Justin im Telefongespräch die nötige Struktur gibt. Für regelmäßiges Feedback wurden ebenfalls feste Wege gefunden: Ein selbst erstelltes Arbeitsblatt dient als persönliche Rückmeldung – für den Azubi und für die Lernbegleitung.
Auch die Vorbereitung auf die Berufsschule ist ein zentraler Teil der Unterstützung: Jede Klassenarbeit wird ernst genommen und besonders vorbereitet. Bei Prüfungsangst ist es zudem möglich, Prüfungssituationen zu simulieren. Psychologisch ausgebildete Kollegen können unterstützen und gemeinsam werden Ursachen ermittelt – damit gewinnen die jungen Menschen Sicherheit und können die Anforderungen in der Berufsschule oder im Betrieb besser bewältigen.
Nach einem Jahr Ausbildungszeit zieht Justin Kremer Bilanz: „Irgendetwas muss einen antreiben. Ich bin sehr wissbegierig und der Erfolg in meiner Ausbildung spornt mich an, ich werde gesehen.“ Schon jetzt kann er sich vorstellen, nach Abschluss seiner Fachpraktikerausbildung im Verkauf weiterzulernen und die Vollausbildung zum Verkäufer anzuschließen. Der Mut zu Beginn hat sich bereits gelohnt.



