Ob Wechsel des Betriebes oder die Finanzierung von Fortbildungen innerhalb eines Budgets für Arbeit: Wenn man will, ist vieles möglich, berichten Jenny Bießmann, Mitbegründerin und Leitungskraft von Aktiv und selbstbestimmt e.V. in Berlin (akse e.V.) und Eliza Gawin, Budgetnehmerin bei akse e.V. in einem gemeinsamen Interview. Sie sprechen auch über die Wichtigkeit der individuellen Einstellung in der Verwaltung und über ihre Sorgen vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Situation.
Akse e.V. ist ein Beratungsangebot für Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige und setzt verschiedene Projekte um, in einem Kooperationsprojekt zur außerklinischen Intensivpflege wurde Eliza über ein Budget für Arbeit angestellt. Innerhalb dieses Projekts hat sie die Arbeitgeberin gewechselt und konnte ihr Budget für Arbeit relativ problemlos weiterführen.
Eliza ist heute 32 Jahre alt und hat eine Ausbildung im Büromanagement mit IHK-Zertifikat abgeschlossen. Im Projekt übernimmt sie verschiedene Verwaltungsaufgaben und kümmert sich um die Betreuung der Webseite sowie andere gestalterische Arbeiten. Aufgrund der Weiterbildung zur Peer-Counselorin – dazu unten mehr – berät Eliza inzwischen auch in wachsendem Maße. Sie wohnt in Hessen, Leistungsträger für das Budget für Arbeit ist die Eingliederungshilfe (EGH), in diesem Fall der Landeswohlfahrtsverband (LWV Hessen).
„Bereits kurze Zeit nach Antragstellung wurde mir die Bewilligung angekündigt. Das war derart niedrigschwellig, das kenne ich aus meiner langjährigen Beratungsarbeit so wirklich kaum.“
Jenny Bießmann über die Zusammenarbeit mit dem Landeswohlfahrtsverband Hessen.
Den Bewilligungsprozesses beschreiben beide als sehr positiv: Die Kommunikation des zuständigen Sacharbeiters sei grundsätzlich davon geprägt gewesen, möglichst praktikable, barrierearme Wege für die beiden zu wählen: „Ich kann mich erinnern, dass wir alles größtenteils telefonisch besprochen haben. Auch den Arbeitsvertrag konnte ich per E-Mail schicken – das war alles ganz unkompliziert“, berichtet Eliza.
Jenny ergänzt: „Bereits kurze Zeit nach Antragstellung wurde mir die Bewilligung angekündigt. Das war derart niedrigschwellig, das kenne ich aus meiner langjährigen Beratungsarbeit so wirklich kaum.“ Und auch heute noch wird der Organisations- bzw. Verwaltungsaufwand vom LWV Hessen für Arbeitnehmerin und Arbeitgeberin minimal gehalten, betont Jenny: „Einmal jährlich will die EGH eine kurze Aufstellung über Krankheit, Urlaub und so weiter. Mehr will da niemand von uns.“
Auch der Wechsel der Arbeitgeberin sollte kein Problem darstellen und verlief ohne hohen Bürokratieaufwand. Wenngleich der Wechsel innerhalb des Projekts von einer zur anderen Projekt-Partnerin stattfand und das Budget in gleicher Höhe einfach weiterbewilligt werden konnte, war die unkomplizierte Weiterbewilligung für Jenny trotzdem überraschend einfach: „Das war und ist das am einfachsten zu verwaltende Budget für Arbeit, das ich in meiner langjährigen Beratungserfahrung kenne. Einen Monat musste die alte Arbeitgeberin das Gehalt an uns überwiesen, weil die Umstellung noch nicht geklappt hatte – das war‘s“.

Auch Fortbildungen werden finanziert
Besonders positiv hervorheben wollen Jenny und Eliza die gute Zusammenarbeit bei der Beantragung von zwei Fortbildungen, darunter auch die einjährige Weiterbildung zur Peer Counselorin (ISL), die Elizas Arbeitsplatz weiter festigen konnte und ihr langfristige Perspektiven eröffnet. Dabei erinnert Eliza, dass damals sogar das Integrationsamt eingeschaltet und in der Eingliederungshilfe eine andere Sachbearbeitung mit einbezogen werden musste. Doch erneut zeigte der Kostenträger großes Interesse an einer schnellen und unkomplizierten Abwicklung, um die Weiterbildung für Eliza sicherzustellen. Die Kosten wurden vom Integrationsamt und der EGH letztlich geteilt und schließlich wurden sogar die kompletten Fahrtkosten übernommen. Nicht zuletzt durfte akse e.V. die Kosten abtreten, sodass diese direkt mit dem Bildungsträger abgerechnet wurden.
„Wenn alle mitspielen, Lust haben, dann findet sich irgendwie ein Weg.“
Eliza Gawin, Budgetnehmerin bei akse e.V.
Die beiden heben hervor, dass es dafür aber keines besonderen Kniffs bedurfte: Natürlich, eine gute Begründung hatten Jenny und Eliza gemeinsam ausgearbeitet und genau beschrieben, warum die Fortbildung notwendig für die Sicherstellung einer langfristigen Anstellung ist – auch im Budget für Arbeit in Teilzeit mit 15 Wochenarbeitsstunden. Wieder lässt sich festhalten: „Wenn alle mitspielen, Lust haben, dann findet sich irgendwie ein Weg“, wie Eliza das auf den Punkt bringt. Jenny ergänzt: „Wir telefonieren einmal im Jahr, meistens mailen wir. Und ich erkenne da jedes Mal eine ganz große Offenheit bei allem, was so anfällt. Es geht immer ums Möglichmachen.“
Sorge vor Kürzungen
Sorgen bereitet beiden vor allem die aktuelle politische Lage mit dem Fokus auf Leitungskürzungen: „Bei allem, was glatt lief, habe ich aktuell vor allem die Sorge, dass mein Budget auf einmal gekürzt wird oder ganz beendet wird“ äußert Eliza mit Blick auf das Nachbar-Bundesland NRW – denn dort sieht eine Richtlinie zum Budget für Arbeit vor, den Lohnkosten-Zuschuss nach fünf Jahren ohne personenzentrierte Überprüfung pauschaliert in festen Intervallen von 75 % auf bis zu 40 % abzusenken.
Jenny ergänzt aus Arbeitgeber*innen-Perspektive: „Gerade für kleine Firmen oder für Startups, die vielleicht Menschen im Budget zur Arbeit einstellen wollen, werden umfangreichere Kürzungen meines Erachtens ein K.O.-Kriterium. Dass pauschalierte Kürzungen angeblich mehr Planungssicherheit schaffen sollen, ist ja ein fast schon zynisches Argument vor diesem Hintergrund – vor allem wenn man bedenkt, dass viele Arbeitgeber*innen ja auch noch Umbaumaßnahmen etc. machen müssen, bevor sie einen Menschen mit Behinderungen einstellen. Da weiß ich aus der Beratungspraxis, dass das viele einfach sagen: Nö, machen wir nicht. Und nicht nur die kleinen Firmen, sondern auch die großen.“
Gesucht: Mehr Tür-Öffner*innen in der Verwaltung
Bei der abschließenden „Wünsch dir Was“-Frage sind sich Jenny und Eliza deswegen schnell einig: Mehr Sacharbeiter*innen und politische Entscheidungsträger*innen mit dem „Möglichmachen-Mindset“: Gesetze und Richtlinien sind das eine, in der tatsächlichen Verwaltungspraxis aber finden sich die wesentlichen Tür-Öffner beim Budget für Arbeit, resümieren die beiden. Und diese Praxis kann sicherlich kaum von den Signalen aus der Politik getrennt werden.
Jenny wünscht sich als Arbeitgeberin bei ihren Kolleg*innen zudem mehr Mut auf dem Weg zu einem inklusiveren Arbeitsmarkt: „Hey, einfach machen – es gibt doch Unterstützung. Macht euch auf den Weg und habt keine Angst.“ Eliza mahnt: „Das Budget hat mir eine Festanstellung ermöglicht. Bei mir hat das super geklappt. Aber ich war nach meiner Ausbildung lang auf der Arbeitssuche und ich denke, wenn die Beantragung nicht so glatt verlaufen wäre, dann wäre es vielleicht schwierig geworden mit der Beschäftigung.“



